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Ich beobachte in Organisationen seit Jahren ein Muster, das sich kaum noch ignorieren lässt. Wenn Teams festhängen, wenn Projekte schlingern oder wenn Veränderung wieder einmal nicht greift, liegt der Kern erstaunlich oft nicht in fehlender Kompetenz oder mangelndem Willen. Der Kern ist viel banaler und gleichzeitig viel gefährlicher: Erschöpfung. Überforderung. Zermürbung.

In dieser Episode von Veränderungsstabil spreche ich mit Sascha, Coach, Organisationsentwickler und Autor eines Textes, der schon im Titel keine Ausreden zulässt: „Die Zermürbungsmaschinen“. Und ja, das klingt hart. Aber es beschreibt ziemlich genau, was viele Führungskräfte erleben. Sie wissen oft, wohin sie wollen, aber nicht wie. Oder sie wissen nicht wohin, aber sie wissen, dass sie weg wollen. Und allein diese beiden Zustände reichen, um auf Dauer körperlich und mental zu bezahlen.

Was mich an dem Thema besonders beschäftigt, ist diese Absurdität der Anforderungen. Führungskräfte sollen heute gleichzeitig Orientierung geben und maximale Freiheit ermöglichen. Sie sollen souverän entscheiden und gleichzeitig immer offen bleiben. Sie sollen Performance steuern, KPIs im Blick haben, Menschen entwickeln, Konflikte moderieren, psychologisch sensibel sein, strategisch denken, agil führen, empathisch sein, konsequent sein, sichtbar sein, ruhig bleiben und bitte auch noch resilient. Das ist kein Kompetenzprofil. Das ist ein Heldenmärchen.

Und dieser Heldenkult kommt nicht nur von oben. Er kommt aus allen Richtungen. Von Mitarbeitenden, die unbewusst erwarten, dass Führung alles löst. Von Unternehmen, die Verantwortung gern nach unten delegieren, aber Entscheidungsspielräume nicht mitgeben. Von Social Media und Business-Bestsellern, die jeden Tag neue Defizite diagnostizieren und gleich die passende Rettung mitverkaufen. Und ja, auch wir als Beratungs- und Coachingwelt sind Teil dieses Spiels. Wir liefern ständig neue Methoden, neue Tools, neue Checklisten. Manchmal hilfreich. Manchmal nur weiterer Druck.

Ein Punkt aus dem Gespräch ist mir hängen geblieben, weil er so treffend ist: Viele verwechseln Werkzeuge mit Wirkung. Atmung ist ein Werkzeug. Meditation ist ein Werkzeug. Ein Führungsmodell ist ein Werkzeug. Aber kein Werkzeug löst das Problem automatisch. Der Effekt entsteht erst über den Prozess und über die Einbettung in den Alltag. Und genau da kippt es oft. Aus einem sinnvollen Ansatz wird eine neue Pflicht. Aus Selbstfürsorge wird ein Leistungsprogramm. Aus „das hilft dir“ wird „das musst du jetzt auch noch können“.

Das führt zu einer Form der Zermürbung, die sich fast schleichend anfühlt. Nicht wie ein Crash, sondern wie permanentes Schleifen. Wir haben im Podcast dazu ein Bild verwendet, das sehr klar macht, was passiert. Wenn ein System dauerhaft aktiviert ist, dauerhaft unter Druck steht und nie wirklich Ruhe bekommt, dann nutzt es sich ab. Nicht plötzlich. Sondern Stück für Stück. Genau das passiert vielen Führungskräften. Nicht weil sie schwach sind. Sondern weil sie zu lange zu viel kompensieren.

Und dann kommt oft noch das Resilienz-Thema obendrauf. Resilienz ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber wenn Resilienz als Erwartung formuliert wird, dann bedeutet sie in vielen Organisationen leider nur: Halte mehr aus. Funktioniere länger. Trag das System weiter, ohne dass wir es verändern müssen. Dann wird Resilienz zur privaten Reparaturleistung für strukturelle Probleme. Und das kann nicht die Lösung sein.

Ich halte es für einen wichtigen Unterschied, ob jemand Resilienz trainiert, weil er freier werden will, klarer werden will, handlungsfähiger werden will. Oder ob jemand Resilienz trainieren soll, damit ein dysfunktionales Umfeld noch ein bisschen länger funktioniert. In dem Moment, wo Resilienz zur Pflicht wird, ist sie nicht mehr Entwicklung, sondern eine stillschweigende Kapitulation vor dem System.

Was ist also der Ausweg aus dieser Zermürbungsmaschine? Sascha hat im Gespräch etwas gesagt, das ich sehr unterstütze, weil es bewusst nicht nach „noch einer Methode“ klingt. Der erste Schritt ist nicht Optimierung. Der erste Schritt ist Klarheit. Sich hinzusetzen und aufzuschreiben, was gerade weh tut. Nicht im Kopf. Sichtbar. Auf Papier oder digital. Einfach raus aus dem inneren Rauschen, rein in eine Form, die man anschauen kann.

Das klingt klein, aber es verändert viel. Weil Zermürbung davon lebt, dass alles diffus bleibt. Dass du nur fühlst: Es ist zu viel. Aber nicht greifen kannst: Was genau ist zu viel. Und sobald du es greifen kannst, kannst du beginnen, anders damit umzugehen. Dann entstehen wieder Wahlmöglichkeiten.

Ein zweiter Punkt ist für viele Führungskräfte brutal wichtig, auch wenn er erstmal unangenehm ist. Du wirst nicht alles schaffen. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Und das ist kein persönliches Versagen, sondern ein normaler Zustand, wenn zu viele unkoordinierte Erwartungen gleichzeitig auf einem Menschen landen. Viele haben aber innerlich noch ein falsches Modell im Kopf. So als gäbe es eine Instanz, die die Aufgabenmenge bewusst dosiert und schon darauf geachtet hat, dass alles machbar ist. Diese Instanz gibt es im echten Leben nicht.

Du hast nicht einen Detlef, der dir nur so viel Arbeit gibt, wie du schaffen kannst. Du hast viele Detlefs. Kunden, Kolleg:innen, Vorgesetzte, Mitarbeitende, Familie, Umfeld. Die sprechen sich nicht ab. Und genau deshalb ist die Menge fast immer größer als das, was realistisch machbar ist.

Der Unterschied ist nur: Ob du das akzeptierst und aktiv priorisierst oder ob du versuchst, alles zu erfüllen und dabei innerlich ausfranst. Ein Teil moderner Führung ist nicht nur, andere zu enttäuschen, sondern auch sich selbst zu enttäuschen, ohne daran kaputtzugehen. Du wirst Dinge liegen lassen müssen. Du wirst Erwartungen enttäuschen müssen. Und der einzige echte Hebel ist oft, wie früh du kommunizierst, dass du etwas nicht schaffst, statt es still zu verschleppen.

Was ich aus der Episode mitnehme, ist eine Haltung, die in veränderungsstabilen Organisationen eine echte Überlebenskompetenz ist. Nicht „immer das Beste“ liefern, sondern „das Bestmögliche“. Das klingt ähnlich, ist aber eine völlig andere Welt. Das Bestmögliche bedeutet, dass du Grenzen anerkennst. Energie. Zeit. Aufmerksamkeit. Und dass du trotz Ambition nicht permanent über deine Kapazität lebst.

Gleichzeitig schützt dich das Bestmögliche nicht automatisch vor allem. Es ist kein Freifahrtschein. Aber es ist eine realistische Grundlage, um nicht ständig gegen deine eigene Biologie und gegen die Realität eines überladenen Systems anzurennen.

Und ganz wichtig: Du musst da nicht allein raus. Wenn du merkst, dass du feststeckst, dass du dich nur noch durchschleppst oder dass du in deinem eigenen Kopf keine Klarheit mehr findest, dann kann externe Unterstützung sinnvoll sein. Nicht als Reparatur von dir, sondern als Reflexionsraum. Nicht als „du musst resilienter werden“, sondern als echtes Nachdenken über den Kontext, die Erwartungen und die nächsten Schritte.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, hör dir die komplette Podcastfolge von Veränderungsstabil an. Dort gehen wir noch ausführlicher darauf ein, wie diese Zermürbungsmaschinen entstehen, warum Führungskräfte so oft zwischen allen Stühlen landen und welche kleinen Schritte wirklich rausführen können.

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Wenn du das Gefühl hast, dass du oder dein Führungsteam gerade in genau so einer Zermürbungsspirale steckt, dann lass uns darüber sprechen. Nicht mit einer Patentlösung, sondern mit klugen Fragen, einem klaren Prozess und einem Blick auf das System hinter dem Stress.

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... ist Vorstand der O'Donovan Consulting AG. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker und Fellow des Chartered Management Institute konzentriert sich auf Kundenzentrierung, Organisationsentwicklung und Kultursanierung. Seit der Gründung der ersten Beratung/Agentur 1999 arbeitet er an kundenzentrierten User-Journeys, skalierenden Produkten und dem Wachstum von Unternehmen. Besonders gerne bringt er weiche Faktoren wie Kundenempathiemodelle mit konkreten Methoden wie dem Anforderungsmanagement zusammen. Er hat für das BMBF Digitalisierungseffekte und passende Kompetenzentwicklungsmethoden erforscht und ist erfahrener #newwork Coach. Er lehrt in Mannheim und Frankfurt u.a. E-Commerce und Entrepreneurship.